"Über
Geschmacklosigkeit lässt sich nicht streiten"
Es
geht um Kulleraugen und Killerviren, potenzielle Mütter und potenziellen
Mord: die Schwarzweißmotive der letzten Anti-Aids-Plakat- und TV-Kampagne
der Michael-Stich-Stiftung verhalfen ihr zwar zu einer Einladung zur ART Cologne
2008, stießen jedoch auf verhaltene bis empörte Resonanz nicht nur
außerhalb der Kunstszene. Drei Anzeigenmotive von 2007 und 2008 werden
nun seit Juni von der Firma JCDecaux für die Stiftung in einigen (Test)Städten
plakatiert - verschwanden aber recht schnell wieder, zunächst in Bremen und
dann im Saarland, mittlerweile auch in Teilen des Rheinlands. Die Basisbotschaft
für Frauen: Wenn schwanger, dann bitte HIV-Test, sonst mögliches Todesurteil
fürs Baby.
Julia Ellen Schmalz (Landesarbeitsgemeinschaft Frauen
und Aids in NRW und Mitarbeiterin der AIDS-Hilfe Bielefeld ) im Gespräch
mit Ulrike Anhamm über die neuen Anzeigenmotive der Michael-Stich-Stiftung:?:
Was ist das grundsätzliche Problem dieser Kampagne?
!: Sie spiegelt
nicht die Realität wider. Sie ist platt und reißerisch.
?: Aber
Werbekampagnen müssen schon "plakativ" sein....
!: Ja, aber
diese Kampagne bedient Vorurteile und Klischees, die wir als Mitarbeiterinnen
in Aidshilfe seit Jahren in täglicher Kleinarbeit bekämpfen.
?:
Welche Vorurteile zum Beispiel?
!: Dass eine Frau eine potenzielle "Virusschleuder"
ist, dass ihr die volle Verantwortung und damit auch die Schuld zugewiesen wird
zum Beispiel. Das geht nicht! Hier werden die Frauen wieder zu Täterinnen
gemacht - das ist diskriminierend und stigmatisierend. Die BZgA und die DAH
haben in den letzten 25 Jahren nun wirklich gelernt, dass Abschreckung und Angst
die schlechtesten Ratgeber sind, wenn es um Präventionsbotschaften geht -
warum wird dieses Wissen schlichtweg ignoriert?
?: Ein HIV-Test für
Schwangere ist ja nun keine schlechte Idee.
!: Genau. Der wird aber ja
nun seit dem 1.1.2008 jeder Schwangeren (verankert in den neuen Mutterschaftsrichtlinien)
empfohlen, und jede Schwangere erhält ein Extra-Merkblatt mit Infos zum HIV-Test.
Das Aufklärungsproblem existiert eigentlich nicht mehr in dieser Größenordnung.
?:
Um welche Größenordnung geht es denn überhaupt? !: Die
Michael-Stich-Stiftung spricht von zurzeit 600 betroffenen Kindern, das RKI meines
Wissens von 350.
?: Dann ist dies also keine Präventions-, sondern
eher eine Awarenesskamapgane?
!: Wenn es hier um Arareness gehen soll,
dann ist sie schlecht gemacht, denn sie geschieht auf dem Rücken der betroffenen
Frauen. Statt sie zu informieren und zu stärken, stempelt man sie ab zu potenziellen
Täterinnen. Das ist empörend und schlichtweg geschmacklos. Aber über
Geschmacklosigkeit lässt sich wohl schlecht streiten, denn die Stiftung ignoriert
eisern unsere Stellungnahmen. |